Die Legende von Krayac – Kapitel 1

Kapitel 1

Ein zerberstendes Krachen von splitterndem Holz und das wehklagende Japsen verletzter Pferde hallten durch die Straßen.

Zwei Kaufleute prallten mit ihren kostbar beladenen Karren aufeinander und bellten sich lautstark an.

Ein glatzköpfiger Mann ging mit wutverzerrter Fratze auf einen schmächtigeren Zeitgenossen los, der jedoch keine Anstalten machte, einem Kampf aus dem Weg zu gehen.

Fäuste flogen, während ein Tritt dem nächsten folgte, bis die Kontrahenten sich schließlich ineinander verkeilten und die Stadtwachen in das Gerangel eingriffen. Sie hatten alle Mühe, Ordnung in dem Chaos wiederherzustellen.

Das Schauspiel ging noch eine ganze Weile so weiter. Jeder der beiden versuchte, wild um sich schlagend, den festen Griffen der Wachen zu entkommen, um seinem Gegenüber den Rest zu geben.

Es galt schnellstmöglich, die besten Plätze auf dem Marktplatz zu ergattern. Dabei war es nicht selten, dass einem Wagen das Rad absprang oder ein Pferd aus einem unbekannten Grund durchging und einen fatalen Unfall verursachte.

Tumulte prägten das Alltagsbild der Festivitäten – des jährlichen Großmarkts in Nêrath.

Händler aus ganz Erdenheim hatten ihre Stände bereits aufgebaut und waren mit vollem Eifer dabei, ihren Krempel unter die Leute zu bringen.

Sogar Schiffe aus mir unbekannten Ländern brachten immer mehr Besucher und Geschäftsmänner. Auch wenn die Finstersee rau und unberechenbar war, wollte niemand die Veranstaltung verpassen.

Überall wohin man sah, wurde gefeilscht und betrogen.

Exotische Kreaturen standen zwischen kuriosen Waren und edlen Waffen zur Schau. All das, was ein gewöhnlicher Bürger nie zu Gesicht bekam.

Viele reiche Händler wurden schwer bewacht. Auch wenn sich nur die wohlhabendsten Kaufleute ihren eigenen Schutz leisten konnten, war die Stadtwache zahlreich vertreten und kontrollierte die Unmengen an Menschenmassen.

Der Marktplatz wuchs allmählich und es erstreckte sich, soweit das Auge reichte, ein Meer aus Zelten und zahllosen Bühnen.

Das Angebot war reichlich.

Die Westseite des Platzes säumten reich verzierte Häuser, die mit ihrer eindrucksvollen Größe die Sicht auf das Elendsviertel verdeckten. Vom Stadttor im Osten bis zum Handelshafen im Westen. Nichts versetzte einen mehr in Staunen.

Ich streifte die ledrige Kapuze stets tief ins Gesicht und versuchte das D, dass die Stadtwache in Grenzstadt nach meiner Rückkehr aus dem Goblinkrieg unter mein rechtes Auge gebrannt hatte, zu verdecken.

Eine Narbe, die mich vor der gesamten Gesellschaft als Deserteur kennzeichnen sollte. Eine Strafe, die schlimmer war als der Tod. Denn jeder wusste, wer ich war … ein Niemand.

So versuchte ich unauffällig zu wirken und schlenderte durch die schmalen Gassen, die zwischen den Verkaufszeilen entstanden.

Viele glänzten mit wunderlicher Auswahl. Das meiste entpuppte sich als totaler Schrott. Aber die vom Kaufrausch geblendeten Besucher nahmen die hochgejubelten Waren den Händlern in Massen ab.

Auf den Bühnen wirbelten Zauberkünstler mit ihrer falschen Magie umher und veranlassten die Menschen zu bebendem Beifall. Wie in Trance ließ jeder neue Trick ihre sabbernden Münder noch tiefer hängen.

Doch die Idylle trog. Nach der Nachricht des Massakers zerbrach die Moral der Stadtbewohner und tristete ihr Dasein in Trauer und Wut. Der dreitätige Markt war das Einzige, das ihnen niemand mehr nehmen konnte. Keiner litt an diesen Tagen an Hunger oder Einsamkeit. Hier wurden dem Pöbel kleinere Gesten, wie die Verteilung von Brot und Geld, zu teil. Der Fürst wollte jedweden Verdacht auf Armut gegenüber den reichen Besuchern, die Jahr für Jahr die Schatzkammer füllten, verbergen – und, nur das zählte. Aber an den restlichen Tagen übernahm wieder das Elend die Kontrolle über die Stadt.

Trotz der Unruhe, die lautstark das Fest dominierte, hörte man das Klirren hektischer Kampfgeräusche.

Schnell bewegte ich mich in Richtung des Geschehens und mit mir Dutzend weitere Schaulustige. Wie Wellen trafen immer mehr Menschen dicht aufeinander, um wenigstens ein paar Blicke zu erhaschen. Sie waren besessen von der Vorstellung, einem Kampf auf Leben und Tod beiwohnen zu können.

Geschickt schlängelte ich mich am Rand einer Hauswand entlang und klettere auf eine Holzkiste, die am Ende des Gebäudes stand.

Das machte meinen Standort mehr zu einer Zielscheibe als zu einem sicheren Winkel. Denn das Gebäude, an das die Arena grenzte, war mir seit der Rückkehr aus dem Goblinkrieg alles andere als freundlich gesonnen.

Die Kaserne der Stadtwache. Das Tor zum oberen Viertel, in dem die bessergestellten Bürger wohnten.

Sie wurden zur Ära der mysteriösen Seuche durch eine eigens errichtete Mauer von den befallenen Stadtteilen getrennt.

Fürst Arian erbaute dahinter eine enorme Festung. Das imposante Gemäuer erhob sich zentral zu den Adelshäusern und legte einen langen Schatten auf den angrenzenden Marktplatz.

Kaum einer wusste, was dort genau geschah. Neben ausgewählten Händlern und Bauern besaß niemand das Privileg, es zu betreten. Und die wenigen, die es genossen, redeten kein Wort darüber.

Angewidert wendete ich mich ab, kniete mich hin und verhüllte mich tiefer in die schattenspendende Kapuze.

Das, was Fürst Arian mir antat, wird nicht unvergessen bleiben. Nur er konnte die Seuche entfacht haben. Die Ansiedelung der Goblins im Osten war ihm und den Menschen schon immer ein Dorn im Auge. Und eines Tages werde ich einen Zugang zum oberen Viertel finden. Ich werde alle meine Klinge spüren lassen, die mich aus meiner Heimat verstießen! … Alle!

Der Stoß, der sich vor mir aufbaute, wurde in kurzer Zeit zu einer undurchdringbaren Barriere und bot kaum Raum zum Atmen.

Anfangs glaubte ich, eines der tückischen Geschäfte, die den Alltag des Großmarkts bestimmte, wurde nicht zur Zufriedenheit der einzelnen Partner ausgehandelt. Aber das Spektakel spielte sich in einer Arena, direkt vor meinen Augen ab.

Ein Holzwall schützte den ovalförmigen Ring vor der auflaufenden Masse und die Stadtwachen hatten alle Hände voll zu tun, die Menge unter Kontrolle zu halten.

In der Mitte tobte ein heftiger Kampf. Zwei kräftig gebaute Männer gingen, jeweils mit Schwert und Axt bewaffnet, aufeinander los.

Mit einem Knall prallten die stählernen Helme und massiven Beinplatten der Krieger unter tosendem Beifall gegeneinander.

Durch elegante Hiebe und gewandten Ausweichmanövern gelang es den beiden, ihre Umklammerung zu lösen, um mit dem tödlichen Tanz fortzufahren.

Auch wenn das Duell vor kurzem erst begonnen hatte, nährte sich der sandige Boden zusehends von Schweiß und Blut.

Man könnte meinen, es wären Brüder, die auf Leben und Tod gegenüberstanden. Obgleich die Gesichter durch unterschiedliche Helme verborgen waren, glichen sie einander wie in einem Spiegel. Ihre haargleichen Bewegungen und Geschicklichkeit mit Axt und Schwert erweckten den Eindruck einer meisterlichen Illusion.

Der Krieger mit dem geflügelten Helm hackte in heftigen Schwüngen sein Beil in die Verteidigung des gehörnten Gegners. Dieser hatte alle Mühe, den tödlichen Schlägen auszuweichen und fiel dabei immer weiter zurück. Bevor der Holzwall den Rückzug bremste, sprang er zur Seite und wich den nächsten Hieben aus, während er seinem Widersacher die Faust samt Axtstiel ins Gesicht hämmerte.

Das Knacken gebrochener Zähne und das schmerzhafte Stöhnen tönten dumpf durch das eingedellte Metall.

Benommen knickte der Geflügelte leicht ein, fing sich kurz darauf aber wieder und lief, mit donnerndem Gebrüll, auf den Gehörnten zu.

Die Menge tobte, jeder wollte so nah wie möglich am Kampfgeschehen sein, um seinen Favoriten hautnah zu erleben.

Der Stolz und die unermüdliche Kraft hinter den barbarischen Angriffen erregten immer mehr meine Aufmerksamkeit. Das Wirbeln der Klingen glich einem magischen Schauspiel von harmonisch tödlicher Macht.

Die beiden Krieger gewannen, nach einem kurzen Schlagabtausch, etwas Raum, was dem Geflügelten die Möglichkeit gab, seine blutige Axt auf den ungeschützten Hals des Gehörnten zu werfen.

Mit brutaler Gewalt wirbelte die zweite Waffe des Geflügelten durch die Luft. Das lebensgefährliche Wurfgeschoss verfehlte nur knapp den Hals des Gehörnten und blieb im Holzwall stecken.

Nicht wenige der Zuschauer sahen entgeistert auf die eingegrabene Klinge, die um ein Haar ihr Ziel in der Menge gefunden hätte.

Ein Schwertknauf prallte gegen den Unterkiefer, als der Geflügelte auf die Bande zu lief und seine Axt aus dem brüchigen Holz zog. An die Seite des Rings gestoßen probierte er sich an der Kante zu fangen. Er hielt dabei verzweifelt den Gehörnten auf Abstand und hämmerte seinen Fuß in dessen Magengrube.

Zusammengesackt wich dieser nach hinten und presste die bewaffnete Hand auf die Wunden der vergangenen Hiebe. Er versuchte sich wieder in den Konflikt zu stürzen, aber fiel er durch die folgenden Klingenschläge zurück.

Das Gefecht verlagerte sich weiter in meine Richtung.

Schwert und Axt rauschten in wechselnder Symbiose einander zu. Die singenden Klingen durchschnitten Luft und Fleisch in perfekter Melodie.

Doch immer wieder blendete ein aufblitzendes Licht die Sicht auf den tobenden Kampf.

Das seitliche Ende zierte eines der vielen Zelte um den Ring. Und genau dort – am Rande von Licht und Schatten – regte es sich.

Ein Funkeln.

Ein Strahlen.

Es starrte mich an. Durchdrang meine Gedanken. Es zeichnete sich ein, wie ein Brandmal in meine Seele.

Ich vernahm den stillen Ruf, der in mir zu pochen begann. Es widerhallten meine Wünsche und Träume, alles, was ich verloren glaubte: Nêrath in voller Blüte, meine Eltern lachend in einer Welt, in der die Seuche nicht ihr Leben forderte. Und meine Brüder, die niemals in meinen Armen auf dem Schlachtfeld starben.

All das verblasste im grellen Licht der schimmernden Umrisse des makellosen Metalls, das sich um den Hals eines fremden Schattens schloss. Auf einer grauen Samtrobe thronte es. Ein silbernes Amulett fasste einen rubinroten Stein … Ein Auge!

Der Fremde saß bis zur Unkenntlichkeit in einem prachtvollen Zelteingang. Bewacht von zwei Männern, die mit erfahrenen Blicken die Umgebung absuchten.

Diener liefen mit reich angerichteten Schalen – Speisen und gefüllten Weinkrügen – hin und her, um ihren Herrn zufriedenzustellen. Doch dieser winkte sie immer wieder weg. Man merkte an seiner angespannten Haltung, wie er das Spiel der Klingen genoss.

Selbst in der Ferne spürte ich die pulsierende Energie des Auges.

Die Macht, die es symbolisierte, fesselte meinen Blick und ließ die Welt darum verstummen. Es verlangte nach mir, schenkte mir Hoffnung, das zu vergelten, was man mir genommen hatte.

Der Ruf wurde immer stärker.

Das Auge übernahm zunehmend die Kontrolle und zeigte mir, wozu es fähig war. Die Arena verschwand in einem aufkommenden Nebel, der sich immer mehr verdichtete und alles in eine trübe Masse einschloss.

Ich riss die Augen auf. Ein dichtes Meer aus grauem Dunst.

Die Menschenmasse, der blutgetränkte Sand, das Amulett. Nichts war noch da. Nur konturlose Schwaden zerrten an Händen und Füßen.

Aber so schnell, wie er mich in Besitz nahm, zog er ab. Nein, er fiel. Als ob das Ende der Welt ihn verschluckt und wie ein Vulkan wieder auszuspucken begann.

Doch keine Hitze erreichte meine Haut oder Feuer, das mir die Luft zum Atmen raubte.

Nur ein Topf voll Wasser. Ja! Wie ein Topf voll Wasser auf einer lodernden Feuerstelle dampften die zwei Vulkane, die an den Seiten eines Weges in der Erde erschienen.

An den Rändern säumten verwesende Körper die Formen der Schlunde.

Ein kalter Schauer befiel meinen Nacken und ließ alle Glieder zusammenfahren.

Gräber, geschmückt mit verfallenen Kreuzen – Reste fleischbehangener Knochen, die aus dem brüchigen Boden ragten. »Wo bin ich?«, stammelten meine ratlosen Lippen. »Bin ich eingeschlafen? … Ist das ein Traum?«

Ich folgte dem staubigen Pfad, der zwischen den Schluchten verlief. Wie eine Schlange wandte sich die Straße durch die aufkommenden Hügel. Begleitet vom ewigen Schleier des Nebels und den Ruhestätten von hunderten Menschen. Bis zu einem wundersamen Turm, der sich endlos in die Wolken erhob und die Welt in seinen Schatten nahm.

Ein eindringender Schrei riss mich aus der Trance.

Blutspritzer übersäten die Menge und auf der Brust des geflügelten Kriegers klaffte eine reißende Wunde.

Ohne mir Gedanken über die Vision zu machen, glitt ich hektisch von der Kiste, wissentlich in das Blickfeld der Stadtwachen zu geraten, und bahnte mir einen Weg um die Arena.

Es waren nicht der Edelstein oder das Silber, die dieses Stück ohne Zweifel überaus wertvoll machten. Es war mehr als eine Geldquelle. Es versprach mir Macht, um meiner Rache einen Schritt näher zu kommen! … Und ich wollte es!

Aber der Stuhl, auf dem vor kurzem der Fremde saß, gab mir ein Gefühl des Verlustes. Er war leer. Ich schreckte immer wieder auf, während ich nach Hinweisen auf dessen Verbleib suchte. Es schien, als wäre er nie hier gewesen.

Kopfschüttelnd starrte ich verwirrt auf einen Kampf, der in der Zwischenzeit nichts von seiner Schnelligkeit verlor. Beide standen in aggressiver Haltung gegenüber und ignorierten ihre Verletzungen, die schon bald tödlich enden würden.

Der Gehörnte fiel nach vorne, um einem Treffer, der ihn geköpft hätte, zu entgehen. Das Henkersbeil grub sich dabei ungebremst in den Boden und blieb im sandigen Dreck stecken. Ohne zu zögern, griff er den Gegner frontal an.

Verzweifelt konterte der Geflügelte den Schlaghagel, bis das Tempo die Oberhand gewann. Den gezielten Hieben hielt die Verteidigung der übriggebliebenen Waffe nicht stand und wurde durch einen Schlag auf sein Handgelenk beendet.

Das Blut quoll aus der Wunde und floss auf die abgeschlagene Hand, die neben dem knienden Kämpfer im Sand lag.

Die Spitze einer Schwertklinge ruhte blutverschmiert auf seiner Kehle und durchdrang geräuschlos Haut, Sehnen und Muskeln.

Die Ansammlung starrte schweigsam auf den sterbenden Krieger, der so ehrenvoll kämpfte, um die Menge zu begeistern.

Doch selbst der Sieger zweifelte, ob er die Verwundungen, die seinen Körper zierten, überlebte. Er sackte auf die Knie und wartete schmerzlich auf ärztlichen Beistand.

Aber kaum einer der Zuschauer verschwendete einen Gedanken um deren Zustand. Und die wenigen, die blieben, erfreuten sich über den Gewinn, den ihre Wetten einbrachten.

Mit der Zeit leerte sich allmählich der Platz und die letzten Jubelschreie verstummten unter den schrillen Rufen der Marktschreier.

Das Geschehen am Marktplatz erreichte mittlerweile den Höhepunkt und das Gedränge an den Ständen nahm unkontrollierbare Ausmaße an. Hier stieß jeder mit jedem zusammen. Selbst die anständigsten Bürger mussten aufpassen, der Versuchung in die eine oder andere fremde Tasche zu greifen zu widerstehen.

Die überforderten Stadtwachen unternahmen jetzt kaum noch etwas gegen den Auflauf. Sie stellten ebenso nur eine Fassade dar, wie so vieles an diesen Tagen. Solange das Geld floss und die obere Schicht ihren Schutz genoss, gab es keinen Grund zur Sorge.

Die Macht des Auges ließ mich nicht mehr los. Es musste hier irgendwo sein.

Hinter der Arena erstreckte sich ein großes Zelt aus rotem Samt. Der Eingang lag schräg an der Kaserne. Drei Soldaten hielten auf einem Holzpodest Wache, die aber ihr Glück beim Würfelspiel und Wein herausforderten.

Ich nutzte die Chance, um näher an die Vorderseite heranzukommen. Nichts brachte mich fort und mit jedem Schritt stieg mein Verlangen nach dem Amulett.

Mehrere Männer standen lachend davor. Ekelhafte Fettsäcke in seidenen Roben und in ihrer Mitte eine rothaarige Frau, die wenig amüsiert wirkte. Nur ein dünnes weißes Tuch bedecke den üppigen Körper der Dirne, als sie die Begierden über sich ergehen ließ.

Aus dem Inneren erklangen viel Jubel und Gesang. Die Festivitäten schienen in vollem Gange zu sein.

Im Halbdunkel der Dämmerung schlich ich an den Wachen vorbei und huschte in eine gut befüllte Vorratskammer. Mit jeder verstrichenen Minute verschlechterte sich meine Laune und zu allem Übel brach plötzlich ein Regenschauer über die Dächer der Zeltstadt herein.

Aber die Ruhe währte nicht lange.

Ein großer Mann sprang durch den schmalen Eingang und schüttelte sein triefend nasses Haar wie ein Straßenköter über den blauen Umhang der Stadtwache.

Ich glaubte unbemerkt geblieben zu sein und zog rasch meine Klinge aus dem Gürtel.

Er war jung – kaum älter als ich.

Wohl einer der Patrouillen, der die restliche Nacht nicht mit feuchten Füßen verbringen wollte.

Der Eindringling war zu seinem Fehler mehr mit sich selbst beschäftigt und bemerkte den aufsteigenden Schatten nicht.

Meine Hand presste sich auf seinen Mund und riss ihn nach unten, während die Schneide in einem tiefen Schnitt durch die Kehle glitt.

Er starb, bevor er auf den Boden sank.

Ich zerrte die Leiche hinter ein paar Kisten und wischte das blutige Schwert an seinem Umhang ab.

Die reglosen Augen starrten mich fassungslos an.

Auch wenn ich nicht wusste, wer er war. Hatte er Kinder? Eine liebende Frau? Es war mir egal, denn genauso hätte ich jetzt – tot – im Dreck liegen können.

Ich gab wenig auf ein Menschenleben. Ihre ewige Gier nach Reichtum und Eigennutz. In einer Welt, in der jeder von ihnen als Majonette der Gesellschaft funktionierte. In der keiner mehr hinterfragte, was er tat. Sie nahmen alles hin. Labten sich an leeren Worten des Adels wie an einer warmen Mahlzeit an kalten Abenden.

Der Krieg hatte mich verändert.

Ist denn nur mir aufgefallen, was wir mit unserer Rache anrichteten? Dass genau der Akt, der uns befreien sollte, uns zu den Monstern machte, von denen man dachte, die Sumpfbewohner sind es?

Die Goblins, ein so friedliches Volk ausgerottet?

Ein Gedanke, den ich kaum noch ertrug. Wie eine Last lag er auf meinen Schultern. Den ich mit keinem teilen konnte, da niemand mehr lebte, um sich an unsere Taten zu erinnern.

Dass diese Verblendung durch Vergeltung und Verachtung die Herzen der Menschen verschloss und mich ins Exil von Leere und verlorenen Sinn trieb?

Ich hasste sie!

Ich hasste sie alle

Es hatte zu regnen aufgehört und das Fest begann sich aufzulösen.

Männer mit Huren in den Armen torkelten aus dem Zelt und verschwanden in der von Laternen hell beleuchteten Nacht. Die Musik spielte nur noch leise und wenige Minuten später lag eine ungewöhnliche Stille über dem Platz.

Ich zögerte und spähte nach einer weiteren gefühlten Ewigkeit aus der Vorratskammer in die Dunkelheit.

Ein glatzköpfiger Mann in schwerer Plattenrüstung trat mit mehreren Stadtwachen im Schlepptau aus dem Zelt.

Panisch schossen mir alle möglichen Fluchtwege durch den Kopf, die ich mir zuvor eingeprägt hatte. Hatten sie mich etwa entdeckt? Suchten sie nach mir?

Er trug einen schimmernden Zweihänder auf dem Rücken und sein bärtiges Gesicht wurde von einer langen Narbe überzogen.

Er schwang seinen muskulösen Körper auf eines der gesattelten Pferde und wies den Soldaten an, in Abmarschposition zu gehen.

Anscheinend gab es etwas, auf das der Fürst viel Wert legte und ich ahnte, was es war.

Die Vorstellung, das Amulett hinter den Toren der Kaserne verschwinden zu sehen, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.

Mein Blick flackerte hektisch und suchte die Umgebung in allen möglichen Richtungen ab, ob nicht doch noch der Fremde auftauchte.

Es blieb erfolglos.

Mein Herz raste.

Was passiert, wenn ich jetzt nichts unternahm? Niemand war fähig, die Mauer des oberen Viertels zu überwinden, ohne in Stücke zerlegt von dort wieder herauszukommen.

Ich schäumte vor Wut.

Es verging Moment für Moment und der Samtvorhang öffnete sich erneut. Heraus kam eine Frau mit langen schwarzen Haaren, die sich in einen fließenden Umhang hüllten. Ihr Gesicht schien auffallend glatt und unberührt schön.

Einer der Männer brachte auf Befehl eines der Pferde und dann geschah das, was ich am wenigsten erwartete.

Beim Aufsitzen entblößte sie um den Hals das silberne Amulett mit dem rubinroten Auge – und es sah mich an.

Ich spürte wieder dieselbe Kraft, die mich zuvor in der Arena durchdrang. Die Energie strömte durch jedes Glied und bahnte sich einen Weg in meinen Kopf.

Es übernahm erneut von mir Besitz und ließ die Welt um mich herum verschwimmen.

Vor mir erhob sich der rätselhafte Turm in die Weiten des Äthers. Die verfärbte Fassade verging in dunkelbraunen Sandstein, der durch sein Alter schon fast schwarz wirkte.

Neben dem enormen Tor versperrten zwei dreizackähnliche Lanzen den Weg hinein.

Ihre Hüter wachten auf einem Vorsprung der kalten Mauer. Gehüllt in fahlen Mänteln, verschwand beim Antlitz der stählernen Maskenhelme alles Menschliche. Keine Gesichter, nur eine anhaltende Finsternis in den leeren Augenhöhlen, welche jeden, der es wagte, näher zu treten, in den Wahnsinn trieb.

Ich wollte nicht weiter. Weder spürte ich, das Verlangen noch den Bedarf, länger an diesem Ort zu bleiben.

Doch der Ruf war zu stark. Er zog mich regelrecht nach vorne und willenlos öffnete sich die Barriere aus Klingen und Furcht und ich betrat das Portal.

Die Bilder in meinem Kopf wuchteten mich fast von den Füßen, als ich wieder zu Bewusstsein kam.

Die Eskorte samt Auge und der Frau waren fort.

Aber wo war der Fremde?

In voller Hoffnung, dass er noch hier irgendwo weilte, schlich ich langsam durch den Eingang des Zeltes.

Es herrschte ein ziemliches Chaos. Bänke und Tische waren zertrümmert, Schalen mit Fleisch, Früchten und Tonkrüge lagen auf dem Boden verstreut.

Der verschüttete Wein – der kleine Seen bildete – gab ein hübsches Bild ab, in dem einige Ratten zwischen Beute und Bau hin und her huschten.

Alles lag kreuz und quer im Raum.

Hinter dem ganzen Müll erstreckte sich ein abgetrennter Gang, über den man den nächsten Teil des Zeltkomplexes erreichte.

Es war schon fast zu still. Man hörte nur das Knacken des Holzes in den Flammen einer großen Feuerstelle.

Vorsichtig bog ich um die Ecke und ging den trostlosen Korridor entlang.

Auf der anderen Seite brannten eine Reihe von Kerzen, die auf einem Tisch mit drei Sesseln standen.

Nichts war zu hören.

Eng an der Zeltwand schlich ich vorwärts, während jeder weitere Schritt noch mehr Adrenalin durch meine Adern jagte.

Einer der gepolsterten Sitze ruhte im Schatten des flackernden Kerzenlichts. Die Form wirkte ungleichmäßig, als ob … etwas darauf saß.

Die Umrisse einer menschlichen Gestalt …

Erschrocken, entdeckt worden zu sein, glitt mir die Waffe aus der Hand und fiel in eine Blutlache.

Aus der Brust des bleichen Körpers ragte der Griff eines Dolchs, der sich tief ins Herz fraß.

Das leblose Gesicht starrte mich mit aufgerissenem Mund an. Es war der Unbekannte, der einige Stunden zuvor noch begeistert dem Kampf in der Arena beiwohnte.

Jetzt gab es keinen Grund mehr, leise zu sein.

Ich riss ihm die graue Robe vom Leib und durchsuchte erfolglos den geschundenen Leichnam nach dem Auge – durchwühlte wie besessen seine Habseligkeiten.

Das Verlustgefühl schlug rasch in Verwirrung um, während mein Blick über das ramponierte Zimmer glitt.

Die Frau. Das Amulett. Der tote Fremde. All das ergab keinen Sinn.

Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn und verließ das Zelt.

Meine Unaufmerksamkeit brachte mir sogleich mein Verderben.

Als ich über die Schwelle des Ausgangs trat, traf die Wucht einer geballten Faust seitlich meinen Kopf.

Aus dem Blickwinkel sah ich noch zwei Gestalten, die mit Schlägen und Tritten auf mich einprügelten.

Ich registrierte nicht mehr viel.

Keine Schmerzen, kein Elend, kein Gefühl … nur noch Schwärze.