Die Legende von Krayac – Kapitel 5

Kapitel 5

Der Regen prasselte jetzt heftiger und peitschte ungezügelt auf das Pflaster.

Durchnässt fand ich mein Ziel. Das Haus lag auf einer natürlichen Anhebung, die von einer mannshohen Mauer umgeben war.

Die Dunkelheit verhinderte einen genaueren Einblick vom Ausmaß der Anlage. Ich wusste nur, dass sie schwer bewacht wurde.

Ein Grund mehr, den Auftrag zügig zu beenden. Viel schien auf dem Gelände jedoch nicht los zu sein, außer den zwei Wachen am Hoftor verhielt sich alles in der Umgebung sehr ruhig.

Ich nutzte die Chance und schwang mich mit Hilfe eines überhängenden Astes einer robusten Eiche auf die Mauer und sprang hinab.

Zwischen einigen Büschen fand ich schließlich ein gutes Versteck, um mein weiteres Vorgehen zu planen. Auch wenn dies im Nachhinein geradezu lächerlich klang. Denn durch meine Schattenklingen und der ohnehin eingebrochenen Nacht würde mich niemand so schnell entdecken.

Das Bauwerk erschien – durch die kunstvoll geschmückte Fassade und die eindrucksvollen Marmorsäulen, die eine aufwendig gestaltete Dachkonstruktion trugen – in dieser Umgebung völlig fehl am Platz. Sofort stachen mir Teroks Gemächer und die Anwesen des oberen Viertels in den Kopf.

Nur eines bot einen Kontrast zu dem endlosen Reichtum – eine unscheinbare klapprige Hintertür, die vom Wind in ständiger Bewegung gehalten wurde.

Wie lange wurde sie schon nicht mehr benutzt? Ich zögerte kurz und durchlief in Gedanken einen drohenden Hinterhalt. Beschädigt durch Rost und Gezeiten erweckte die halb aus den Angeln hängende Tür nicht gerade den Eindruck einer Falle.

Ich betrat vorsichtig das Haus und beachtete dabei jeden Schritt, den ich still und langsam einen vor den anderen setzte.

Der nächste Moment erklärte alles. Ein dunkler Raum empfing mich und einen Teil des Mondlichts, das durch ein mit Möbeln zugestelltes Fenster etwas Sicht auf einen eingestaubten Lagerraum gab.

Neben veralteten Schränken, Tischen und Stühlen erkannte ich eine weitere Tür. Kein Geräusch drang von der anderen Seite. Ich konnte nur hoffen und das Risiko eingehen, dass dahinter keine Überraschung auf mich wartete.

Ein intensives Knarren folgte dieser Entscheidung und endete in einem markdurchdringenden Krachen, als die Tür gegen die Wand fiel. Erschrocken wandte ich mich zurück und suchte in der nächsten Nische zwischen zwei vergilbten Bücherregalen Deckung.

Du Narr! Schlag doch gleich die Eingangstür ein und bitte höflich um den Kopf von Marces!

Einige Minuten verharrte ich regungslos und lauschte, ob jemand mein harsches Eindringen bemerkt hatte … Es geschah nichts.

Der folgende Raum beherbergte neben leeren Kerzenhaltern ein spärlich ausgestattetes Wohnzimmer mit offenem Kamin und einem modrig riechenden Sessel. Eine Treppe führte an der rechten Seite der holzlosen Feuerstelle nach oben und wies den einzigen Weg zu meiner Zielperson.

Ich ließ das abgelegene und offenbar vergessene Zimmer auf den mit Spinnweben bedeckten Stufen zurück.

Dürftiges Fackellicht umschloss den Treppenausgang und löste das weißblaue Lichtmeer des Mondes ab, das hinter mir in Bruchteilen aus dem Lagerraum floss.

Aufmerksam wählte ich meine nächsten Schritte. Keine weitere Unachtsamkeit sollte meine Anwesenheit in der Villa verraten.

Das erste Stockwerk barg einen langen Gang, der sich mehrmals in verschiedene Richtungen kreuzte.

Langsam wurde mir diese Stille leid. Es war alles zu einfach. Keine Wachen im Haus, offene Türen und trotz allem kein Lebenszeichen von dem Großhändler.

Ich suchte nach und nach jede Biegung, jedes Eck und jede noch so kleinste Kammer ab, es schien, als wäre das Domizil verlassen. Doch das Herrenhaus war ziemlich groß und es gab noch etliche Etagen, Zimmer und die tiefen Kellergewölbe.

Ein Raum fiel mir auf, eine Blutspur verlief aus ihm heraus. An den Wänden und am Boden davor waren Hinweise zu sehen, die auf einen Kampf hindeuteten.

Die Tür stand einen Spaltbreit offen.

Ich zog lautlos eine der zwei Sichelklingen und betrat geräuschlos den Raum.

Ein leises Wimmern drang immer lauter werdend an mein Ohr. Ich drehte mich mehrmals hin und her, nicht wissend, aus welcher Richtung es kam. Alles roch nach Blut und Fäkalien.

Mit dem nächsten Atemzug zerfiel der letzte Rest Menschlichkeit aus meinem Herzen.

Zusammengekauert in einer Ecke neben zwei Betten saß ein kleines blondes Mädchen in einem verdreckten Schlafkleidchen.

Ihre goldenen Locken konnten nur teilweise die blutunterlaufenen Augen verdecken, die mich panisch anstarrten.

Sofort steckte ich das Messer zurück in die Scheide und schritt behutsam auf das Mädchen zu.

Sie zitterte sofort am ganzen Körper, als sie meine Nähe spürte und hielt furchterfüllt einen braunen verschlissenen Teddy in den Armen.

Ich nahm meine ganze verbliebene Großmütigkeit zusammen und kniete mich vor ihr hin. »Was ist mit dir passiert, Kleines?«, fragte ich so flüsternd, wie es mir in jenem geschockten Moment nur möglich war.

Verstört richtete sie sich auf und machte, außer einem Schritt nach hinten, keinerlei Anstalten, die Frage zu beantworten.

Ihr Gesicht wies im Fackelschein mehrere Schrammen und Schwellungen auf – auch Narben von halb verheilten Verletzungen.

»Hab keine Angst, ich werde dir nichts tun«, redete ich sanft auf das abgemagerte Kind ein.

Sie starrte mich mit verlorenen Augen an. Wen hatte sie wohl erwartet, als ich durch die Tür kam?

»Wie heißt du?«, versuchte ich zu erfragen, um ihr wenigstens etwas Ängstlichkeit zu nehmen.

»Lys … Lysia«, antwortete sie stockend und drückte ihren Kuschelbären noch fester gegen das einst schneeweiße Kleidchen, das sich an manchen Stellen mit frischem Urin tränkte.

»Was ist mit dir passiert, Lysia?«, fragte ich, ohne ihr notdürftiges Schamgefühl zu beachten. »Wo sind deine Eltern?«

Das Mädchen zuckte mit den Achseln und streckte ihren rechten Arm aus und offenbarte ein makaberes Kunstwerk aus unzähligen klaffenden Schnitt- und Brandwunden. »Sie hab … haben mir weh ge … getan«. Ihre kaum hörbare Stimme verlor sich zunehmend in den aufkommenden Tränen.

Zorn und Verachtung drängten meine zurück. »Wer hat dir das angetan? Sag es mir, Lysia!«

»Sie … sie sind bö … böse Menschen«, japste sie und zeigte mit dem Finger auf die Decke. »Oben … ganz oben.«

Ihre Verletzungen sahen sehr schlimm aus. Sie musste in den letzten Stunden viel Blut verloren haben. Ich wusste nicht, wie ich ihr noch helfen könnte.

Sie legte ihren Kopf auf meine Schulter und flüsterte mir zu: »Ich bin so müde. Da … darf ich endlich schlafen?«

Ich nahm sie in den Arm und legte sie daraufhin in ihr Bett. »Schlaf, kleine Lysia, schlaf«, redete ich sanft auf sie ein, deckte sie zu und streichelte dabei über ihr verklebtes Haar. Ihr Atem wurde stetig flacher und schließlich schlief sie für immer ihren ewigen Traum.

Ich streifte das Bettlaken über das Gesicht des Mädchens, die ihren treuen Teddy fest im Arm hielt.

Welcher Teufel würde einem wehrlosen Kind solche Schmerzen zufügen? Wer auch immer das getan hatte, wird bitter dafür bezahlen … auch wenn ich die Antwort darauf bereits wusste.

»Die Qualen sind vorbei, kleine Lysia«, donnerte meine Stimme durch die Gänge, denn jetzt gab es keinen Grund mehr, leise zu sein. »Für die Bewohner dieses Hauses wird es kein Morgen mehr geben!«

Die Treppe zu den oberen Gewölben fand sich unweit meiner jetzigen Position. Mit gezogenen Klingen stieg ich empor, bereit dazu, alles und jeden in die Ewigkeit zu verbannen.

Nichts und niemand hätte mich aufhalten können. Ich sprach in Gedanken den Schattenmessern den lautlosen Befehl zu und entfachte ihre Magie. Dunkler Rauch entglitt dem schwarzen Stahl und umhüllte mich mit Finsternis.

Am Ende der Stufen stöhnte eine Frauenstimme auf und darauf ein überlautes Lachen von mehreren Männern.

Wurde auch Zeit, dass dieses verdammte Haus ein Lebenszeichen von sich gab. Das Gelächter kam aus unmittelbarer Nähe – einem Herrenzimmer, dessen Einrichtung von einem übergroßen Kamin erhellt wurde. Antike Möbel und Wände voller Bücherregale wechselten sich ab mit Jagdtrophäen und kunstvollen Gemälden.

Auf einem weißen Wolfsfell räkelte sich eine halbnackte Frau, die sich in energischen Körperzügen auf und ab schlängelte. Ihre wilden roten Haare schimmerten im Feuer des Kamins und ihre Augen rasten wie eine gefangene Seele hin und her. Sie wirkte wie berauscht, als ob eine sinnensbenebelnde Substanz ihren Geist vom Leib löste.

An ihrem Körper hingen nur noch Reste eines Nachtgewands, das keines ihre weiblichen Formen, die mich lüstern anblickten, versteckte. Sie erschien mir wahrlich bildschön. Dummerweise nur eine weitere Puppe für die Lustgier von drei Männern, die im Halbkreis auf Hochlehnern um sie saßen und sie mit fanatischen Blicken verhöhnten.

Einen von ihnen erkannte ich sofort. Diese haarlose verzogene Fratze mit den winzigen Kohlohren auf einem kleinen, stummeligen Körper. Noch fetter als der Richter im oberen Viertel. Unter seiner ärmlichen Fassade steckte ein brutales Monster, das seine kranken Fantasien und sadistische Ader in jeder Form auslebte.

Die anderen zwei Gestalten, die sich prächtig über die Frau amüsierten, konnte ich nicht genau erkennen. Der einzige Unterschied zwischen ihnen und dem Großhändler war, das sie ihr Verlangen nach lüsternem Fleisch nur in einer noch größeren Woge zu stillen versuchten.

Unfassbar, wie dumm und skrupellos Menschen sein konnten. Ohne Gewissen und Reue fingen sie an, die Frau nach eigenem Verlangen zu verstümmeln und zu misshandeln. Sie verbrannten ihre zarte junge Haut mit glühenden Kohlen und ritzten ihr mit kleinen Messern die Brust.

Ihre Schreie pulsierten regelrecht in meinem Kopf und hallten durch das Mauergestein.

Einer von ihnen fing an, sich an der Frau zu vergehen, und wie es nicht anders sein konnte, gab sie sich ihrem Peiniger widerstandslos hin.

An ihrem verzerrten Gesicht konnte man ihre Anstrengungen spüren, die die harte Wallung ihres Herrn mit sich brachten.

Die Hitze im Zimmer wurde immer intensiver und der nass glänzende Frauenkörper war Anreiz genug für die anderen, dieses Spiel nicht mehr nur mit anzusehen. Mit der Zeit wurde sie von allen Seiten zu den ungewöhnlichsten Verrenkungen und Bewegungen gezwungen. Ihr Körper wurde regelrecht zur Marionette des Willens ihrer Schänder, der alles tat, was man verlangte. Mit verschiedensten Dingen wurde sie bis an ihre Grenzen getrieben und schließlich gab ihr Geist nach und überließ ihren Leib dem durstigen Willen ihrer Vergewaltiger.

Es wurde mir leid, diese schöpferische Schändung weiterhin mit anzusehen. Ich witterte in dem sinnlosen Tatendrang des Großhändlers meine Chance, seine Innereien herauszuschneiden und sie seinen bemitleidenswerten Partnern in den Hals zu rammen.

Ich nahm mir Zeit, hinter mein erstes Opfer zu gelangen, das zwischen mir und dem Großhändler stand – gleich einem Wolf, der um seine wehrlose Beute kreiste. Im Grunde war es egal, denn keiner der Scheusale würde die nächsten Minuten noch erleben.

Mit voller Wucht rammte ich dem vordersten – einem mittelgroßen braunhaarigen Muskelberg – die erste Klinge in den Rücken. Die sichelförmige Spitze durchdrang die Rippen und den Brustkorb und riss dabei sein Herz in Stücke.

Der aufwirbelnde Schatten gab dabei meine Tarnung Preis und veranlasste seinen zweiten Gefährten, zu einem Sprung in Richtung seines Schwertes, welches auf einer Stuhllehne vor ihm ruhte.

Nur lag seine Schnelligkeit unglücklicherweise am falschen Körperende. Blitzschnell wirbelte ich herum, ließ das erste Messer in schwungvoller Choreographie aus dem toten Leib gleiten, um im selben Augenblick seine Schwerthand samt Stuhllehne mit der zweiten Klinge zu durchtrennen.

Holz, Stahl und Fleisch fielen zu Boden.

Der Blondschopf schrie auf und hielt seinen halbierten Arm, aus dem sich pulsierende Blutfontänen ergossen. Er blickte mich geschockt an und suchte in Panik den zwielichtigen Schleier nach menschlichen Zügen ab. Erst als sich der Schatten erneut öffnete, erkannte er die Gefahr. Sein Körper knickte unförmig zusammen und krachte schwer vor meine Füße.

Der Boden klebte mittlerweile vor Blut und anderen Körperflüssigkeiten.

Nun war es an der Zeit, mich um Aren Marces zu kümmern, dem Letzten der Drei. Selbstsicher entließ ich den Schatten aus meinen Diensten und verfolgte, wie die Düsternis in die obsidianfarbigen Klingen zurückkehrte.

Wenige Schritte weiter stand er vor mir, einen gezogenen Dolch am Hals der gezüchtigten Frau angesetzt. Sein Anblick widerte mich an, mir war klar, warum er ohne Gewalt kein weibliches Wesen in seine Nähe bekam.

»Sieh an, sieh an. Terok schickt einen seiner bissigen Bluthunde auf die vergiftete Beute. Hätte ich gewusst, dass ihr kommt, wäre für euch ein gebührendes Willkommensgeschenk vorbereitet worden!«, grinsten seine immer länger werdenden Fettbacken, als ob er genau über meine Angelegenheiten Bescheid wüsste. »Ich habe schon von Erdenheims berühmten Deserteur gehört, der in Teroks Schattenenklave Zuflucht gefunden hat. Erhofft ihr euch bei ihm wieder einen Namen zu erarbeiten? Oder verkriecht ihr euch, wie es von einem Verräter erwartet wird?«

»Hat euer erstklassiges Gehör auch den Lagerort der gestohlenen Fracht der Chaosklinge aufgeschnappt?«, höhnte ich ihn angewidert über die Erwähnung meiner namenlosen Bekanntheit konternd an. »Warum versteckt ihr euch in den letzten Momenten eures würdelosen Lebens hinter einer Frau?«

Er reagierte nicht mit Worten, sondern verhärtete seinen Griff um das Messer.

Die Frau registrierte offenbar nichts von alldem, was um sie herum geschah – sie starrte leblos und erschöpft ins Leere. Es grenzte an ein Wunder, dass sie vor dem ganzen Unrecht an ihr überhaupt noch stehen konnte. Nie wieder würde sie glücklich über eine Blumenwiese laufen oder sich in einen treuen fürsorglichen Mann verlieben. Keine Freude in dieser Welt würde noch einen Sinn ergeben. Keine Zeit könnte diese Wunden jemals heilen. Grausamkeiten, die nur das Leben bieten konnte.

»Ihr wisst ja nicht einmal, was es bedeutet … Macht zu haben. Macht über lebendes Fleisch und den menschlichen Verstand. Ich verlange nur das, was mir zusteht! Und es gibt nichts, nichts, was ihr dagegen tun könnt!«, kläffte er mich an, während ein triefender Sabberschwall über die blessierte Brust der ausgezehrten Frau lief.

»Euch wird nur zustehen, im Jenseits eure Knochen zusammenzuhalten und in das ewige Klagen der Leidenden mit einzufallen!«, trichterte ich ihm mit geschärften Blicken ein, doch seine verhasste Ader hinterließ kein Anzeichen einer Regung.

»Terok ist ein Narr, wenn er glaubt, er könnte mich so einfach aus dem Verkehr ziehen. Die Dinge sind am Laufen und es wird nicht mehr lange dauern, bis sich Teroks Brut gegen ihn stellt! Wechselt lieber die Seiten, Mörder, bevor es für euch zu spät ist. In den kommenden Tagen wird Terok am eigenen Leib erfahren, was er selber nie geschafft hat. Nichts wird mich jetzt noch aufhalten, nicht einmal ihr!«

Seine hektischen Worte brannten mir ein Rätsel in den Kopf. Nichts, was er sprach, ergab für mich großen Sinn. Mir stand nur eines vor Augen … sein Kopf!

»Ihr steht am Ende eures Lebens, wieso verschwendet ihr eure letzten Worte mit diesem Gefasel?«, fragte ich ihn misstrauisch.

»Am Ende? Nein es ist erst der Anfang! Terok hat sein Spiel leichtsinnig gewählt. Seine Pläne sind so leicht zu durchschauen, dass selbst der Infantilste darauf gekommen wäre. Und nun ist er einfältig genug, einen räudigen Dieb für seine Angelegenheiten zu schicken.«

Genug mit dem Elend! Mit den Klingen in Angriffsstellung stürmte ich auf ihn los, und wie ich es mir gedacht hatte, verkroch er sich ängstlich hinter der Frau. Ich hielt abrupt inne und stoppte meinen Angriff, um sie nicht noch mehr zu verletzten.

»Nein! Nein! … Bitte! Bleibt, wo ihr seid, Mörder! Opfert nicht das süße Blut, ja … süßes Blut!«, jammerte er krankhaft vor sich hin und leckte seiner Liebesdienerin dabei schleimig über die Wange.

»Euer Wesen ist abartig! Ich kann es kaum erwarten, euch wie ein fettes Schwein abzustechen!«

»Abartig? Nur weil ich ein williges Weib begehre, welches ohnehin für nichts anderes zu gebrauchen wäre? Ihr solltet sie selbst einmal versuchen, danach werdet ihr klarer sehen«.

Seine Gegenwart widerte mich an! Ich überlegte, ihm seine Augen und Zunge aus seinem aufgeschwollenen Leichnam herauszuschneiden, um ihn blind und stumm durchs Jenseits wandeln zu lassen. »Es reicht! Sprecht, was ihr sagen wollt. Ich werde euer kümmerliches Dasein nicht weiter dulden«, gab ich ihm unmissverständlich zu verstehen und ging dabei ein paar Schritte näher auf ihn zu, um ihn zu einer Reaktion zu zwingen, bei der er seine Geisel freigibt.

Die nächsten Ereignisse geschahen Schlag auf Schlag. Mit gleichmütiger Gelassenheit durchtrennte er mit dem Dolch ihren Hals und starrte mich unter den fontänenartigen Blutströmen herausfordernd an.

Das Mädchen knallte unter den letzten gurgelnden Atemversuchen leblos zu Boden und regte sich nicht mehr.

»Denkt ihr, ich bin so unsagbar … dumm? Dies ist mein Haus, in das ihr eingedrungen seid und nur ich vermag zu befehlen, was darin geschieht!«

»Habt ihr euren zwei Freunden auch befohlen, was sie mit der kleinen Lysia anstellen sollten? Oder wart ihr es selbst, der seine Perversionen an dem Mädchen auslebte?«, fragte ich und versuchte nicht zu aufgebracht zu wirken, auch wenn dies inzwischen kaum mehr möglich war.

Der Großhändler machte eine abfallende Geste zur Seite und stieß einen langen Seufzer aus. »Diese Göre hat von Anfang an nur Probleme gemacht. Deswegen mussten wir sie erst einmal ruhigstellen. Sie hat so laut geschrien, dass wir Probleme hatten, ihre Mutter für unsere kleine Feier … nun ja … zu begeistern. Probleme können wir, wie ihr sicher schon gemerkt habt, nicht gebrauchen«, erklärte er unter höhnischem Lächeln.

»Monster! Es wird mir eine Freude sein, euch in alle Einzelteile zu zerlegen!«, brüllte ich adrenalingeladen durch den Raum.

»Das wird wohl nicht nötig sein«, erwiderte er und wich weiter von mir zurück. »Ich bin euch wohl kaum ebenbürtig … jedenfalls fast!«

Mit diesen letzten Worten erklang aus den benachbarten Räumen ein eintöniges Geplänkel von herannahenden Rüstungen und das eiserne Geräusch gezogener Schwerter.

Von allen Seiten strömten gerüstete Soldaten in das Zimmer. Sie schlossen einen breiten Kreis um mich und den Großhändler.

Sein Grinsen hielt er immer noch fest. Ein Wunder, dass es ihm nicht schon abgefallen war. Mit einem leichten Kopfnicken zu einer der Wachen zu seiner linken zog er sich aus dem Kreis zurück und verschwand hinter der nächsten Tür.

Eine pikante Situation, die sich wie aus dem Nichts ergab. Nun war keine Zeit mehr, groß nachzudenken. Ein halbes Dutzend gewappneter Männer stand mir gegenüber und wartete nur darauf, mich niederzustrecken.

Ich drehte mich mehrmals hin und her, um jeden der Angreifer im Blickfeld zu haben. Es dauerte keine weitere Sekunde und die ersten beiden Angreifer gingen daran, ihr Leben frühzeitig zu beenden.

Ein waghalsiges Spiel. Jeder der beiden versuchte sich daran, eine Lücke zu finden, um einen schnellen Todesstoß zu landen.

Sie schienen so blind bei ihrer Suche zu sein, dass sie ihre eigene Verteidigung außer Acht ließen.

Mit einem Wirbel um meine eigene Achse trieb ich der ersten Wache eine Klinge in den Bauch und landete im darauffolgenden Schwung einen fatalen Hieb über seine Brust. Die Glieder seines Kettenhemds brachen dabei auseinander und hinterließen ernsthafte Wunden. Vor Schmerzen windend taumelte er zurück, ließ seine Waffe fallen und presste seine Hände auf die blutenden Stellen.

Sein Begleiter begann einen Stoßangriff auf meine ungedeckte Seite, ich riss den linken Arm zurück und blockte mit der pechschwarzen Armschiene seinen Angriff. Ich zögerte nicht und umfasste den Griff des rechten Messers wie den eines Opferdolchs. Es durchdrang seine mangelhafte Panzerung am Schlüsselbein und grub sich tief in seine Lunge.

Ein Dritter versuchte sich erst gar nicht, in eine Position zu bringen, in welcher ich ihm hätte schaden können, sondern tauschte sein Schwert gegen einen langen Speer.

Ich wich mehrmals seinen stechenden Angriffen aus und versuchte dem Angriff entgegenzuwirken.

Zwecklos, wenn man bedachte, dass auf der anderen Seite noch drei andere Soldaten standen, die meinen Tod wollten.

Es war an der Zeit, diese feindliche Überlegenheit zu beenden. Ich zwang den Sichelklingen meinen Willen auf und abermals umschloss mich der schwarze Schleier.

Verwirrt und aus seiner Konzentration gerissen starrte der Speerträger in die Finsternis.

Ich verschmolz mit der Umgebung, die der Kamin nur spärlich erhellte und verharrte für einen Überraschungsmoment.

Der Krieger drehte sich verunsichert im Kreis und erwartete jeden Moment einen Angriff aus dem Hinterhalt.

Dieser kam in jenem Moment. Mit einem Tritt in die Kniekehle knickte die Wache ein. Er blickte ratlos um sich, als er zu Boden ging, und suchte die unsichtbare Gefahr.

Während er mit Denken beschäftigt war, legten sich bereits die Sicheln von hinten in Kreuzform auf seine Schultern. Er bemerkte es erst, nachdem es zu spät war und das letzte Geräusch, was er hörte, war das Rollen seines Kopfes auf dem polierten Holzfußboden.

Voller Verzweiflung legte ein anderer einen Bolzen in seine Armbrust ein und schoss hoffnungslos in den sich windenden Schatten. Das Geschoss prallte an den Lederschuppen meines gepanzerten Umhangs ab und fiel zu Boden. Er machte keine Anstalten, einen neuen Bolzen einzulegen, sondern floh in Panik mit den übrigen Männern aus dem Raum.

Ich verfolgte sie nicht und wollte auch nicht darauf warten, bis sie mit Verstärkung wiederkamen. Ohne viel Zeit zu verlieren, rannte ich auf dem schnellsten Weg aus diesem Schlachtfeld und nahm die gleiche Strecke durch das Haus, über welche ich hineingekommen war.

Es ärgerte mich, dass ich meinen Auftrag nicht ausführen konnte. Deswegen suchte ich auf der dicht bewachsenen Eiche, die mir zuvor schon über die Grenzmauer half, Schutz und wartete.

Auf Bäume zu klettern gehörte nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, jedoch konnte man von hier aus ungesehen, das gesamte Gelände überblicken.

Auf dem Anwesen zeigten sich keine weiteren Lebenszeichen, weder von meinem Ziel noch von den übrigen Wachen. Kein Lichtschein umgab die Villa und auch kein noch so kleiner Strahl verließ das Haus.

Die Welt auf der anderen Seite würde nie erfahren, welche Verbrechen sich hinter diesen Mauern abgespielt hatten. Dieses Haus umgab großes Übel. Grausamkeiten und Qualen beherrschten diesen Ort. Selbst die Luft wirkte hier schwer.

Lysia. Ihr Gesicht tauchte immer wieder in meinen Gedanken auf. Kleine tapfere Lysia – unsterblich gefangen im Schmerz.

Die Minuten rasten, Stunden vergingen. Die Sterne in dieser Nacht legten sich nach dem Unwetter tief über die Stadt und ließen ihre Schönheit den Sterblichen zuteilwerden.

Früher oder später wird sich der Großhändler zeigen und dann beginnt meine Jagd.