Die Legende von Krayac – Kapitel 7

Kapitel 7

Noch am selben Abend standen vier vermummte Gestalten an der Treppe Zum rostigen Dolch, die alle in voller Rüstung und bewaffnet auf den Abmarsch warteten. An ihrer Spitze stand der Hauptmann, der seinen Männern letzte Anweisungen gab.

Er würdigte mich keines Blickes, als ich hinter ihm auftauchte.

Die Dämmerung brach herein und signalisierte uns, im Schutze der aufkommenden Dunkelheit aufzubrechen.

»Ihr geht voraus! Führt uns zum Ladeplatz!«, befahl Maev und zeigte dabei herablassend auf meinen Kopf.

Zu meinem Pech wusste ich als Einziger, wo sich die Lagerhalle befand und somit führte ich die Gruppe durch das verruchte Söldnerviertel.

Die Straßen wirkten wie ausgestorben. Selbst unter meinen Begleitern herrschte Stille. Unterwegs schwärmten die vier Assassinen immer wieder aus und vergewisserten sich, auf keinen Hinterhalt zu stoßen. Keine Worte wurden während des gesamten Weges gewechselt und schließlich kamen wir, einige Häuserecken vor dem Eingang der Halle, zum Stehen.

»Eine Straße weiter finden wir das, wonach wir suchen«, kündigte ich dem Hauptmann an.

»Dann wollen wir mal einen Blick riskieren«, erscholl Maevs Stimme und er schritt voran.

An der gleichen Stelle, wo ich zuvor schon meine Gegner ausgespäht hatte, suchten wir Deckung.

Das Tor stand weit offen und außer einigen Wachen war von Marces und Varga nichts zu sehen.

Im Inneren konnte man dank mehrerer brennender Fackeln gut erkennen, wie von ziemlich nervösen Arbeitern Fläschchen mit einer mysteriösen Flüssigkeit in strohgefüllte Kisten gepackt wurden.

Das musste sie sein! Die tödliche Botschaft, über die heute Morgen gesprochen wurde!

»Was meint ihr, befindet sich darin? Der Söldnerführer redete etwas von Krieg«, fragte ich Maev.

»Etwas, das Auswirkungen nach sich ziehen wird!«, antwortete er zögernd und machte dabei nicht den Eindruck, dass ihn dies sonderlich interessierte.

»Wollen wir denn diesem Treiben kein Ende bereiten? Warum zögert ihr?«, fauchte ich ihn so leise und vorwurfsvoll an, wie es die Situation zuließ.

»Wenn wir jetzt angreifen, werden wir nie erfahren, wo sich die anderen Zellen befinden. Habt ihr nicht berichtet, dass sich noch mehr in der Stadt aufhalten? Dafür, dass Terok euch so hochhält, seid ihr ziemlich dumm.«

Dumm? In meinen letzten Monaten in der Gilde hatte ich mehr Gunst erfahren, als sich dieser Wichtigtuer vielleicht dachte. »Ihr solltet eure Zunge in eurem dreckigen Hals behalten, Maev!«

Der Hauptmann antwortete nicht darauf, sondern ließ einen lauten Seufzer los, der einige Raben aufschreckte, die sich zwischen uns und unserem Ziel an einem verwesenden Katzenkadaver labten.

»Und was schlagt ihr nun vor?«, fragte ich ihn spöttisch.

»Wir warten, bis sich die Karren in Bewegung setzen und folgen ihnen dann zu ihrem Ziel«, stellte er klar und signalisierte den Abzug.

Nur wenige Minuten vergingen und drei knarrende Fuhrwerke rollten im Schneckentempo an uns vorbei.

»Wir werden uns trennen müssen«, fuhr der Hauptmann auf und deutete dabei mit komplizierten Handzeichen seinen Männern an sich aufzuteilen, um den übrigen Wagen zu folgen. »Ihr kommt mit mir!«, und winkte mich dabei zu sich.

Wir folgten den Söldnern durch die halbe Stadt, bis an die Grenzen des Elendsviertels. Man konnte sie mühelos an den Händen abzählen. Mit dem Wagenlenker, zwei Arbeitern und drei leicht bewaffneten Söldnerwachen, waren es gerade einmal sechs Männer, wobei jeder, bis auf den Kutscher, eine Fackel trug. Somit präsentierten sie sich uns gegenüber nahezu schutzlos.

Die Söldner bogen in eine schmale Seitenstraße ab und verschwanden in einem verwinkelten System von Gassen.

Wir versuchten aus bestmöglicher Distanz, die Verfolgung so unauffällig wie möglich zu halten, was in diesem Labyrinth aus Hauswänden und Kanalisationsabläufen kein Problem sein sollte.

Hin und wieder spähten die drei Söldnerwachen die Umgebung vor und hinter dem Trupp aus, als würden sie etwas in der Dunkelheit erkennen können. Doch nicht einmal die Reichweite des bemitleidenswerten Feuers ihrer Fackeln hätte ausgereicht, unsere Anwesenheit zu bemerken.

Immer wieder schlug der Trupp eine andere Richtung ein und stoppte schließlich in einer Sackgasse, in welcher ein unscheinbarer Eingang zur Kanalisation führte.

Das Pferd zog den Karren bis an das Ende der Gasse, unterstützt von den singenden Peitschenhieben des Fuhrmanns.

Die Wachen postierten sich hinter den Tross und sicherten den offenen Straßenteil. Die übrigen machten sich an die Arbeit und begannen, die Kisten mit den gelben Fläschchen abzuladen.

Maev kniete aus sicherer Entfernung neben mir an einer Hausecke und starrte in die Dunkelheit. Eines seiner Zwillingsschwerter ruhte bereits in seinen Händen.

Mein nächster Gedanke verschmolz sich mit einem Blick auf meine Sichelklingen. Nicht vorzustellen, welche Waffen tödlicher waren.

Ich konzentrierte mich wieder auf den Söldnertrupp und stieß Maev mit dem Fuß an. »Lasst uns keine Zeit verschwenden, radieren wir diese Taugenichtse aus.«

Er sah mich entschärft an und wendete sich sogleich wieder ab. Die Minuten verstrichen und der Hauptmann verharrte noch immer in seiner Position. »Nun gut, vorwärts!«, regte er sich endlich und schlich an mir vorbei.

Wir streiften eng an der Wand entlang auf unsere Beute zu. Die Männer vor uns ahnten nicht, dass sie diese Nacht nicht überleben würden.

Der ersten Wache durchtrieb eine tödliche Brise den Brustkorb. Ihr aufgespießtes Herz wehrte sich vergebens und versagte unter ihren verzerrten Augen. Der leblose Körper glitt sanft und lautlos von meiner Schattenklinge.

Mein Gefährte hatte bereits eine zweite mit einem tiefen Schnitt durch die Kehle außer Gefecht gesetzt.

Nun lastete der Blutdurst von zwei Meuchelmördern auf dem übrigen der drei Wachsöldner, der seine letzte Momente in Unwissenheit tränkte. Sein Leib verendete unter qualvollen Schmerzen.

Unser Angriff kam still und leise. Sogar die restlichen der Gruppe waren viel zu sehr mit ihrer Arbeit beschäftigt, als dass sie das Verschwinden ihrer drei Kameraden bemerkten.

Wir ließen uns Zeit und räumten noch weitere zwei Männer aus dem Weg und schickten sie auf ihren Weg in die endlosen Leeren des Jenseits.

Der Letzte verkroch sich verängstigt in eine Ecke und kauerte dort verkrampft an einer Mauer. »Sie können dich nicht sehen, nein … nein, nicht sehen!«, fing er geistesabwesend und panisch zu stammeln an.

Diese gekauften Kämpfer und Arbeiter waren viel zu einfach auszuschalten. Sie besaßen kaum Kampffertigkeiten oder andere handwerklichen Geschicke, dafür umso mehr materielle Habgier. Ihre Investoren kauften sie in Massen und benutzten sie für ihre privaten Zwecke.

Der Mann hörte nicht auf zu wimmern und drängte sich immer enger an die Mauer, als er uns kommen sah.

»Was habt ihr hier verloren?«, stürmte ich fragend vor und riss ihn auf die Beine. Er blickte mich dabei hektisch an und öffnete immer wieder unkontrolliert seinen Mund, als wollte er etwas sagen, fand aber die Worte nicht.

»Lasst mich das machen!«, forderte Maev mich auf und drückte mich zur Seite. Er rammte den Mann mit dem Rücken an die Mauer. Das Knacken von einigen Knochen und abbröckelnden Steinen hallte durch die Gasse.

Der Gesichtsausdruck unseres Gefangenen verformte sich zunehmend vor Schmerzen. »Beantwortet seine Frage!«, befahl Maev. »Und seid gewiss, dass neben euren Begleitern noch ein Platz frei ist!«, legte der Hauptmann lautstark nach.

»Wir hab … haben Befehl. Müss … ssen Kisten abladen! Der Komm … mmandant hat be … fohlen«, wimmerte der Söldner. Sein Rumstottern machte es nicht leicht, alle Informationen aus ihm herauszubekommen.

»Was ist in den Fläschchen? Was habt ihr damit vor?«, fragte ich über Maevs Schulter und ließ ihn dabei spüren, wie kurz er davor war, in ein offenes Messer zu laufen.

»Ich … ich weiß nicht, was darin ist. Nur der Kommandant weiß es!«

Maev wurde ungeduldig und spuckte dem Söldner mitten in sein verträntes Gesicht. »Was hat euch Varga befohlen? Los, sagt schon!«

»Wir sollten die Kisten und deren Inhalt in der Kanalisation verteilen. Bitte tötet … tötet mich nicht!«, seine Worte fielen ihm zunehmend leichter, als er meine Sichelklingen erblickte, die sich hungrig gegeneinander wetzten.

»Du hast schon genug gesagt!«, entschied Maev und durchschlug mit einem seiner Schwerter die Eingeweide des Söldners.

Mich überraschte das Handeln des Hauptmanns nicht und es interessierte mich auch nicht weiter. Meine Aufmerksamkeit galt den Kisten.

Die Elixiere darin, hatten gläserne Bäuche und ihre langen Hälse endeten in hölzernen Korken. Ihr Inhalt leuchtete in gelben Farben, der deutliche Bläschen warf, die nach und nach den Phiolen ihre Schaumkronen aufsetzten.

Neugierig nahm ich ein Fläschchen und versuchte, es zu öffnen, als Maev meine Hand ergriff und diese davon wegzerrte. Nur meine andere Hand trennte die Sekunden zwischen der fallenden Phiole und dem festen Steinboden.

Sein hektischer Blick richtete sich vorwurfsvoll auf mich. Doch erkannte ich keine Wut in seinen Augen. Nicht einmal seine üblichen Androhungen, die er hin und wieder gegen mich aussprach, wurden mir zuteil. Diesen Blick kannte ich nur zu gut … Angst!

So schnell, wie sein Griff mich gepackt hatte, lockerte er sich auch wieder. »Wir, wir sollten kein Risiko eingehen«, sagte er unsicher und wendete sich rasch wieder ab.

Ich bettete das Elixier wieder sorgfältig zurück. Diese Reaktion hätte ich von ihm nicht erwartet. Ich entschied mich, vorerst nicht weiter danach zu fragen. Denn wichtig war in diesem Moment nur eines: Dem Rest dieses Gesindels ein ähnliches Schicksal teilwerden zu lassen, bevor sie ihr Ziel erreichten.

Wir verloren keine Zeit und stiegen mit Fackeln den schmalen Zugangsschacht der Kanalisation hinab. Der beißende Geruch, der aus den Kanälen hochstieg, machte das Atmen zu einer unausstehlichen Tortur.

Eine Brühe aus verfärbtem Wasser, in welchem sich zahlreiche Ratten und Fäkalien tummelten, kam uns entgegen.

Wir durchquerten eine Weile das Abwassersystem und außer verwesenden Kadavern und den Aaswürmern fanden wir neben Stein und Unrat nichts.

Nachdem wir einen weitläufigen Radius abgesucht hatten, und Maev kaum eine Silbe währenddessen über die Lippen brachte, brach ich das Schweigen. »Sicherlich verteilen sie sich nur in der Nähe der Eingänge. Warum sollten sie so tief in die Schächte vordringen?« Ein heller Aufschrei beantwortete meine Frage und ließ ein dumpf aufschlagendes Geräusch folgen.

Wenige Schritte vor uns fanden heftige Kampfhandlungen statt. Verzerrtes Kampfgetöse belebte die Gänge und so schnell wie sie erklangen, verhallten sie auch wieder und legten die Gänge wieder in völlige Stille.

Näherkommende Gestalten verkündeten rasche Antwort. »Hauptmann?«, hörte man leises Flüstern aus der Dunkelheit.

Vor uns erschienen zwei der Assassinen, die ebenfalls einen der Karren verfolgten. Anscheinend hatten sie Erfolg.

Maev musterte sie nur und nickte den vermummten Kriegern zu. »Wir sind unserem Ziel wie befohlen gefolgt, Hauptmann!«, erstattete der größere der beiden Bericht.

»Konntet ihr etwas herausfinden?«

»Ja, Herr! Sie hatten diese Fläschchen bei sich und wollten sie in der Kanalisation verteilen«, erzählte der Assassine weiter und zog dabei eine Phiole mit der gelblichen Flüssigkeit hervor, die in ihrer leuchtenden Farbe unseren Fackeln Konkurrenz machte. »Wir haben außerdem erfahren, dass der Großhändler und ihr Kommandant sich in seinem Anwesen aufhalten«.

Sein Anwesen? Der letzte Ort auf der Welt, an dem ich im Moment sein wollte.

»Dann lasst uns keine Zeit verlieren! Ruft die anderen zusammen und stoßt zu uns. Egal was diese Figuren geplant hatten. Es wird nicht mehr lange dauern!«, grollte sein Befehl und ohne weitere Worte zu wechseln, machten wir uns auf den kürzesten Weg zur Oberfläche.

Aren Marces hatte meinen letzten Besuch wohl nicht vergessen, denn diesmal patrouillierten mehrere Wachen am Tor und gleichzeitig an der Grenzmauer.

Wenn mich nicht alles täuschte, waren die Wachen ebenso nichtsnutzige Söldner wie die anderen auch und trugen sie keine Fackeln, wären sie in der tiefen schwarzen Nacht kaum zu erkennen gewesen. Wir sollten also keine allzu großen Probleme mit ihnen haben.

Unweit der stämmigen Eiche, die mir bei meinem letzten Besuch Einlass über die Mauer gewährte, standen wir und warteten ungeduldig die Rückkehr der Assassinen ab.

Maev hatte sie mit dem Befehl losgeschickt, ein Schlupfloch zu suchen, um unbemerkt auf und in das Anwesen zu gelangen.

Über meinen Einwand, dass wir denselben Weg nehmen könnten, wie ich zuvor, wollte er nichts wissen.

Die Kutsche des Großhändlers präsentierte sich erneut in der belichteten und überdachten Einfahrt des riesigen Hofes.

Im Schatten des Gefährts stand eine dunkle Gestalt eng an eines der eingespannten Pferde gelehnt und verharrte mit ihrer zweiköpfigen Peitsche reglos in der Nacht. Der Kutscher!

Nach und nach tauchten schließlich auch die vier Assassinen auf und berichteten hastig ihre Beobachtungen. »Herr! An der Ostseite ist ein eingefallener Mauerübergang. Wir könnten dort unbemerkt eindringen«, berichtete der Vorderste der Gruppe.

»Wie viele Wachen?«, fragte der Hauptmann ungewöhnlich ruhig, als würde ihn das Kommende völlig kalt lassen.

»Den Fackeln nach zu urteilen mindestens ein Dutzend. Ohne die Wachen, die sich im Verborgenen halten.«

»Ein Kinderspiel. Dann los!«, rief Maev aus und wir setzten uns alle in Bewegung.

Mir war es ziemlich gleich, Befehle von diesem Aufschneider entgegenzunehmen. Sobald dieser Auftrag beendet war, wäre ich ihn ohnehin los. Das hoffte ich jedenfalls.

Wir umkreisten langsam das Anwesen und gelangten rasch zu der eingefallenen Steinmauer. Warum hatte ich sie vorher nicht entdeckt, als gleich auf den erstbesten Baum zu klettern?

Maev ließ eine schnelle Abfolge geheimer Handzeichen sprechen und alle seine Diener taten flink daran, diese umgehend auszuführen. Was immer er auch befohlen hatte.

»Wäre es nicht sinnvoller, sie kämen mit uns? Wir wissen nicht, wie viele Wachen sich noch im Haus befinden«, erlaubte ich mir einen gutgemeinten Rat.

Ein grimmiger Blick beantwortete meine Frage und er setzte noch eine nach. »Sie werden unseren Rückzug vor lästigen Besuchern sichern, oder verlangt es euch, rücklings erstochen zu werden?«

In meinem Stolz abermals verletzt mied ich eine weitere Fragerunde und konzentrierte mich mit gezogenen Klingen auf dieselbe klapprige Hintertür wie bei meinem letzten Besuch.

Wir warteten die letzte Patrouille ab und huschten über den offenen Hinterhof.

Die Tür ließ sich ohne Probleme öffnen und ich betrat erneut die von Schande und Schmerz befleckten Zimmer des Anwesens. Der Mond bot diesmal keine Lichtquelle und so hüllten sich die ersten Räume in absolute Dunkelheit.

Schritt für Schritt tasteten wir uns vorwärts bis zur dahinterliegenden Treppe.

Das nächste Stockwerk ist mir noch gut in Erinnerung geblieben. Niemals würde ich diese Minuten vergessen. Niemals konnte ich sie vergessen.

Lysias Zimmertür stand einen Spaltbreit offen, und als wir sie über den Gang passierten, ebnete sich mir die Welt in einen zeitlosen Schlaf.

Die verrußten Flurwände beherbergten dasselbe dürftige Fackellicht wie zuvor und ebneten mir die Sicht. Unter dem blutrot befleckten einst weißen Laken ragte noch immer die kleine Hand mit dem braunen Teddy der toten Lysia hervor.

Mein Kopf versuchte sich zwanghaft in eine andere Richtung zu drehen, doch konnte ich meinen Blick nicht abwenden.

Meine Augen verharrten reglos und ich stieß mich voller Wucht gegen die breiten Schultern von Maev.

»Verdammt! Was ist los mit euch?«, zischte er mich wutentbrannt an.

Meine Hände fingen an zu zittern und mein Körper schüttete eine Portion Adrenalin aus. Die Worte des Hauptmanns drangen nicht mehr zu mir durch. Eine innere Unruhe peitschte durch meinen Körper und öffnete Gefühle, die ich schon vergessen glaubte.

Die kleine Lysia, so jung und voller Leben, während eine kranke Seele sich in den Kopf setzte, sie zu zerstören. Was wäre aus ihr geworden, wäre ihr Lebensfaden anders gesponnen? Eine liebevolle Mutter oder eine reiche Händlerin auf dem Großmarkt? Oder wäre sie zum Schluss selbst zu einer dieser Bestien geworden? Niemand vermag das Schicksal zu beeinflussen, nur das Leben selbst nimmt und gibt. Es verschlingt uns, raubt unsere Träume, unser Dasein, aber schenkt das Wertvollste für jeden von uns.

»Kommt wieder zu Sinnen!«, flüsterte Maev und hämmerte mir seine Worte dabei einzeln in den Schädel.

Laute Schritte krachten nur wenige Meter vor uns auf und ab und kamen näher und näher.

Er schleifte mich in eine Wandnische, als an der Treppe die Umrisse einer Gestalt emporwuchsen.

Die Wache glitt in nächster Nähe an uns vorbei und verschwand am anderen Ende des Ganges.

»Merkt euch meine Worte, Krayac! Die nächste Unachtsamkeit könnte eure letzte sein!«, spie er mich an und presste mich dabei gegen die kalte Wand, nur um mich kurz darauf wieder aus der Nische zu zerren.

Er stieß mich voran, aber meine Glieder schleppten sich schwer nach vorne und wurden begleitet von rhythmisch pulsierendem Pochen in meinen Schläfen. Jeder Schritt fühlte sich endlos an, so schwer!

Ich nahm einen tiefen Zug aus dem kleinen Wasserschlauch, welcher an meinem Gürtel hing und versuchte meine Gedanken und Gefühle wieder zu ordnen.

Die nächsten Gänge führten uns in einen größeren Raum. Die Wände selbst lagen im Dunkeln, doch verrieten reichlich Kerzen in goldenen Ständern den Reichtum des Großhändlers. Verschiedene Eingänge führten in den mit Teppichen gesäumten Raum. Von rotem Samt bedeckte Stühle standen um einen runden Tisch, der mit silbernen Kelchen und kostbarem Geschirr bedeckt war. In ihrer Mitte thronte ein halb offener Sack, aus dessen Inneren wertvolle Münzen und Edelsteine in jeglichen Farbkombinationen quollen.

»Welche Verschwendung!«, hörte ich meinen Begleiter höhnisch geifern. Ich blickte ihn schweigend an, während seine Hände schon nach dem Beutel gierten. Der ganze Sack wäre wohl zu schwer gewesen. So bemühte er sich, seine Taschen großzügig zu füllen. »Wollt ihr nicht auch vom Reichtum unserer Feinde kosten? Ein gutes Gefühl!«, grinste er und warf mir eine der Münzen zu.

Ich fing sie ohne Probleme auf und starrte sie in Gedanken versunken musternd an. Wert auf Gold- oder Silberstücke legte ich nicht wirklich und somit bezahlte ich auch niemanden. Wozu auch. Die Wirkung von kaltem scharfen Stahl auf blanker Haut machte jedes Leben zum Spielzeug. Man sollte es nur gut einzusetzen wissen, und man bekommt das, was man wollte.

Maev labte sich noch weiter an dem erhofften künftigen Wohlstand, als sich eine der vielen Türen hinter uns öffnete.

Zwei bekannte Stimmen ertönten und verlangten unseren sofortigen Rückzug in einen abgelegenen Seitenraum.

»Mir war klar, dass es euch nicht interessiert, welche Ausmaße die Anwendung des Giftstoffs haben wird. Nur wird es euch nichts nützen, wenn die Hälfte meiner Männer schon vor der eigentlichen Übernahme zugrunde geht,« protestierte Varga, der wutentbrannt durch die Tür und in das Zimmer stürmte.

»Wir haben keine Zeit, um über diese Kleinigkeiten zu reden! Es gibt genug Ersatz, um diese Lücken zu füllen!«, erklärte Marces, der hinter ihm zum Vorschein kam.

Gift? Ist es das, was sich in den Kisten befand?

»Selbst wenn die Verladung sicher über die Bühne geht, werden die Verluste während des Kampfes für diejenigen, die dem Zeug zu nahe kommen, verheerend sein!«, kritisierte der Söldnerführer.

Marces umrundete dabei langsam den Tisch, nahm einen Krug Wein und nippte anschließend gelangweilt an dem gefüllten Kelch. »Ich habe euch eine Waffe von unbegrenzten Ausmaßen geschenkt. Setzt sie ein, wie wir es besprochen hatten!«, zischte er wie eine aufgescheuchte Schlange. »Sie werden den Angriff erst bemerken, wenn es für alle zu spät sein wird. Das Gift nimmt ihnen jegliche Rückzugsmöglichkeit!«

Der Söldner setzte sich nur, um im selben Moment wieder aufzufahren. »Welche Garantie haben wir? Wir hatten bereits einige Verluste in den Kanälen! Bestimmt weiß der alte Gildenmeister bereits von unserem Vorhaben!«

»Kleinigkeiten! Sie können nicht alle aufhalten. Wenn eure Truppen in Stellung sind und das Gift an den Bestimmungsorten verladen wurde, lasst ihr die Hölle los! Wir werden sie ausräuchern wie ein Wespennest. Und wenn mein Plan Früchte trägt, werdet ihr euch künftig Besseres nennen können als Söldnerführer«, entgegnete ihm der Großhändler und winkte ihn ungeduldig aus dem Zimmer.

»Ein Angriff auf die Gilde. Ihr Feind war die Chaosklinge! Wir müssen unsere Leute warnen!«, flammte ich innerlich auf und stieß dabei Maev zum Aufbruch an.

»Wartet!«, flüsterte er zurück. »Bleibt hier und erledigt euren Auftrag. Marces darf uns nicht entkommen. Ich kümmerte mich um den Rest!«

Es sollte mir recht sein, denn diesmal gehörst du mir, Schweinefratze! Ich wollte in diesem Moment aus der Kammer schnellen, als mir ein lieblicher Duft die Nase hochstieg.

Hinter dem Großhändler erschien wie aus dem Nichts eine weibliche Gestalt. Ihr Gesicht wurde von der dichten Kapuze eines Umhangs völlig verdeckt.

Marces wirkte weniger überrascht, als er sie sah. »Habt ihr ersucht, nach dem ich verlangte?«

»Niemand wird sich euch entgegenstellen, dafür wurde gesorgt! Alle Truppen der Stadtwache bleiben in kommenden Stunden hinter den Kasernentoren«, antwortete sie mit feiner Stimme und löste dabei ihren Umhang und offenbarte ihr lang fallendes schwarzes Haar.

War sie das? Dies ist also das Treffen, über welches der Richter gesprochen hatte?

Sie setze sich ihm demonstrativ gegenüber und schlug elegant ihre Beine übereinander, die in eine enge schwarze Lederhose gehüllt waren. Ihre gefährlich gerissene Schönheit wurde von einer Handarmbrust unterstrichen, die um das rechte Bein geschnallt war. An ihrem linken trug sie einen mit Bolzen gefüllten Köcher. Ein verführerisches schwarzes Korsett mit roten Streifen zeichnete ihre pralle Weiblichkeit nach.

Meine Augen weiteten sich ungläubig, als ihr tiefer Ausschnitt das offenbarte, was ich erhoffte. Es glänzte und strahlte, als würde das Funkeln des Rubins niemals vergehen. Er nahm mich erneut in sein rotes Inneres auf und ließ mich nicht mehr los.

Der Titan stand aufrecht an eine der windigen Steinsäulen gelehnt. Schwach und kraftlos zeigte er mit seinem baumstammdicken Arm den Himmel hinab.

Blut weinte aus seinem vernarbten Auge, während das weisende Zittern seines Fingers ungeduldig der Kälte trotzte.

Ich lehnte nicht mehr am Stein, sondern kniete am Rande des fensterlosen Abgrunds und starrte in die Tiefe.

Die Macht des Kolosses zog meine Seele in den rauchigen Nebel der Vulkane, die sich vor dem mächtigen Turm in die Erde fraßen. Immer tiefer, immer weiter in den grauen Schlund hinein.

Soweit die Augen reichten, türmten sich Leichenberge. Kein Feuer oder brennender Himmel. Keine Lava oder Asche. Kein Vulkan!

Stattdessen ein fernes Land … Graues Land … Ein Schlachtfeld … Hügel der Toten … Festungen der Verdammten … Ruinen der Knochen. Ein Friedhof … das Jenseits!

Mein Blick fiel weiter ins Unbekannte. Tiefer, immer tiefer auf einen langen steinigen Pfad.

Gestalten am Wegesrand. Soldaten der Toten verteidigten ihr Land. Ihr so schönes Land! … Verpestetes Land!

Immer mehr Gestalten tauchten um mich herum auf und labten sich an verdorbenem Fleisch … Verschwommene Gestalten … Ihr zerfetztes Fleisch als Kleidung.

Bekannte Gesichter von Maden und Würmern besetzt.

Meine Augen versanken in Tränen.

»Vater?«

»Mutter?«

Oh schöne zerfressene Mutter. So schön und rein gewesen. So kläglich wiedergeboren im Morast der Verwesung. So tapfere Mutter erlag dem Tod und immer noch schön.

Vater! So sorgsamer Vater, so reich an Liebe, so wundervoll. Ein stiller verwesender Held … Ein starker Held. Beschützt die schöne Mutter im Tod!

Sie zeigen auf einen fernen Hügel … Großer Hügel … Weißer Hügel, getragen von Knochen und Tod.

Ich möchte nicht gehen. »Mutter! Vater! Lasst mich nicht wieder allein!«

Auf dem Hügel ein Grab.

Ein offenes Grab.

Davor eine Gestalt. Eine bekannte Gestalt. Der Fremde! Der Hochapotheker … erwacht!

»Mein Lohn wird sein, wenn sich meine totale Kontrolle endgültig über diese Stadt legt. Ihr sorgt nur dafür, jegliches Gildenpack der Unterstadt auszumerzen, die meine künftige Stellung bedrohen könnten. Und wenn die Zeit gekommen ist, werde ich dafür sorgen, dass sich die Passage ins obere Viertel für euer Söldnerheer öffnet«, hörte ich die machthungrigen Worte der Frau.

Ein unwohles Stechen zerrte schmerzhaft an meiner Seele und riss mich in die Gegenwart zurück. Diese Visionen, diese Träume. Der Fremde – der Hochapotheker. Ich habe ihn gesehen. Teris, der Wahnsinnige! … Was geschieht mit mir? In mir? … Warum?

Unter dröhnenden Kopfschmerzen und dem salzigen Geschmack von Schweiß nach einem schlechten Alptraum war ich gezwungen, das Gefasel von Marces weiter anzuhören. »Eure Worte sind wie Musik, doch wer könnte mich noch aufhalten, habe ich erst die gesamte Stadt in meiner Gewalt. Nicht einmal euer Vater und die Truppen der Stadtwache in ihrer vollen Stärke wären meinem Söldnerheer gewachsen!«

Ihr von Schönheit und Glanz geprägtes Gesicht zeichnete sich zunehmend verhasst und verdunkelte ihre haselnussbraunen Augen. »Mir ist wohl zu Ohren gekommen, dass Ihr alles um euch gescharrt habt, was für Geld zu kaufen ist. Doch vergesst niemals, kleiner Händler, wem ihr in den Rücken fallt!«, fauchte die Tochter des Fürsten scharf und berührte dabei das silberne Amulett zwischen ihrer Brust. »Ihr wollt nicht am eigenen Leib erfahren, zu was ich fähig bin!«

»Es gibt kein Problem, welches man nicht lösen könnte«, sagte er und zeigte dabei auf den halbleeren Sack, den zuvor Maev gierig geleert hatte. »Vielleicht wollt ihr es euch doch noch anders überlegen und nehmt eine Position unter meiner Führung an.«

Tessa Kala´thels ungläubiger Blick fiel auf die Mitte des Tischs mit dem großzügigen Angebot. »Nicht einmal euer ganzer Besitz wäre auch nur ansatzweise ausreichend genug, um meine Belange zufrieden zu stellen, und dann wagt ihr es, mich mit ein paar lächerlichen Münzen und Juwelen zu kaufen?«, spie sie ihn abstoßend an und stand auf, um den Raum zu verlassen.

Die Kinnlade des Großhändlers fiel bis auf den Boden, als er versuchte, die passenden Worte zu finden. »Wie … was? Aber eben waren noch, … sie sind weg! Niemand war hier, außer mir. Habt ihr! Nein … Eindringlinge … WACHEN!«, schwadronierte er geistesabwesend und schrie verzweifelt um sich.

In diesem Moment schnellte ich aus meinem Versteck und versetzte Marces einen präzisen Schlag an die Schläfe um seine Bemühungen nach Unterstützung zu versiegen. Er fiel bewusstlos zu Boden und riss dabei den Beutel samt Inhalt hinab.

Ich kümmerte mich nicht weiter um ihn, mein persönliches Interesse galt der Frau. Niemals war ich dem Auge so nah! Und niemand würde mich aufhalten, es ihrem toten kalten Körper abzunehmen!

Sie streckte mir, bereit zum Angriff, ihre geladene Handarmbrust entgegen. Sie schien kein bisschen nervös zu sein.

»Ich habe keine Belange gegen euch, gebt mir nur das Amulett und ihr könnt fortziehen!«, forderte ich sie auf und begann, sie mit vorgehaltenen Klingen langsam zu umkreisen.

Sie blickte mit einem lächelnden Zwinkern auf ihr tief ausgeschnittenes Korsett. Ihre vollen Brüste reizten die Versuchung, das Auge endlich in den Händen zu halten.

»Holt es euch, wenn ihr könnt, Deserteur

Ich nahm den Spott und ihre Entscheidung hin und ließ die rechte Schattenklinge nach vorne schnellen. Nur mit Mühe wich sie dem Ansturm zur Seite hin aus.

Im nächsten Augenblick sauste als Antwort der erste Bolzen über meinen Kopf hinweg und schnitt haarscharf an mir vorbei. Ihre flinken Bewegungen unterstützen ihren Angriff, doch die Wahl ihrer Waffe würde ihr den sicheren Tod bringen.

Nur wenige Schritte trennten uns, und bevor ich sie endlich für mich hatte, schlug eine der Türen vor uns hart auf und die Umrisse des Kutschers bauten sich im Türrahmen auf.

Ein Monster von einem Mann, mit einer langen Kutte und einem schwarzen Zylinder. Seine vor Bosheit strotzende Fratze schielte mich an, bevor er mir seinen Kopf gegen die Stirn donnerte und mich und meine Klingen zu Boden schickte.

Mein Sichtfeld trübte sich und alles verschwamm, als ich zu Boden fiel. Das Letzte, was ich erkannte, war auch das Letzte, was ich ertragen konnte. Die Frau floh mit meinem Amulett und demselben lächelnden Zwinkern wie zuvor durch die offene Tür, während der Kutscher mit seiner Peitsche zum Schlag ausholte.

Innerlich erlosch jegliches Gefühl in mir, als die Geißel auf mich niederfuhr. Ein Schlag erwischte mich am Hals, der mir fast das Fleisch von den Knochen riss. Ich schrie nicht auf und ignorierte das Blut, welches über meinen Brustpanzer floss, denn ich hatte nur noch ein Bild im Kopf.

Den Kutscher spornte dies nur noch zu mehr Schlägen an. Er strafte mich mit immer weiteren Hieben, die meine Rüstung regelrecht zerfetzten und immer tiefer ins Fleisch eindrangen.

Meine Fäuste ballten sich unter den heftigen Angriffen. Seine Peitsche wirbelte währenddessen erneut wild durch das Zimmer und verfehlte mit ihren zwei Köpfen nur knapp mein Gesicht.

Ohne einen Gedanken an Schmerzen und meinen Zustand zu verschwenden, stand ich auf und warf mein ganzes Körpergewicht gegen den Hünen.

Er versuchte zwanghaft, sich von mir zu lösen, und stolperte über seine eigene Kutte und fiel nach hinten zu Boden.

Ich kniete mich auf seinen Brustkorb, während meine Hände nicht aufhörten, auf ihn einzuschlagen. Seine Haut fühlte sich an wie Stahl, als ich auf sein Gesicht einhämmerte. Immer härter und härter zerschmetterten sie jedes Zeichen von Menschlichkeit. Die Sekunden fühlten sich an wie Minuten und schienen endlos. Ich wollte aufhören, doch es nahm einfach kein Ende. Es sprach nicht mehr aus mir als … ein Mörder!

Erst als ein leises Wimmern meine Aufmerksamkeit erweckte, rollte ich zur Seite und löste mich von dem schweren toten Körper des Kutschers.

Das fette Elend Marces kauerte sich auf dem Boden und hielt sich seinen Kopf.

Ich schritt zu ihm hinüber und packte ihn an seinen Hals und riss ihn dabei nach oben.

Sein Blick erstarrte, als er mich ansah. »Ihr? Aber … aber das kann nicht sein!«, stammelte er sinnlos vor sich hin.

Ich verschwendete keine Worte und griff nach einer meiner Sichelklingen, die neben mir auf dem Boden lag.

»Nein, nein! Ihr dürft mich nicht töten«, flehte er mich erwartungsvoll mit großen Augen an, um sein Ende hinauszuzögern. »Ich kann euch reich machen. Ja! So sehr reich, dass ihr euch ein neues Leben kaufen könnt! Niemand wird euch mehr einen Deserteur nennen!«

Ich blickte reglos zurück und setzte meinen Griff enger um seine Kehle.

»Ich, ich habe Informationen. Ja! Informationen!«

»Welche Information wäre es wert, euch das Leben zu schenken? Ich weiß über euer Vorhaben«, erklärte ich ihm.

»Dann wisst ihr bestimmt auch, dass wir nur das fortsetzen, was eure Gilde vor vielen Jahren begonnen hat!«

»Ihr verschwendet eure letzten Atemzüge mit Lügen, Marces!«

Der Großhändler japste und bekam noch weniger Luft, als ich die Klinge zum Todesstoß ansetzte. »Nein, nein. Hört mich an! Jenes Gift … für den Angriff … bestand aus dem Besitz der Chaosklinge! Die Seu … Seuche! Wir vernichten sie nur mit ihren eigenen Waffen!«, versuchte er verzweifelt zu erklären.

»Die mysteriöse Seuche? Wieso sollte ich den Worten eines Toten Glauben schenken?«

Sein Gesicht fing an, in blauvioletten Farbtönen anzulaufen, und noch immer, hörte er nicht auf zu reden. »Früher oder später … werdet ihr es erfahren! Der … Angriff wird diese Stunden beginnen. Nicht mehr lange … und Terok und seine Schergen sind Geschichte. Nutzlos also … sich auf die Seite der Geschlagenen zu stellen. Verbündet euch mit mir und ich werde euch … zum mächtigsten Gildenmeister Nêraths machen!«

Seine Lippen sprachen beunruhigende Worte, aber Aren Marces würde alles dafür tun, am Leben zu bleiben. »Ich bin eure Lügen leid!«, schäumte ich ihn an und rammte ihm die Schattenklinge in die Brust. »Schmerz wird mit Schmerz vergolten werden … Kindermörder!«

Ich spürte, wie das Adrenalin in meinen Adern langsam nachließ und all der verdrängte Schmerz mein Herz entflammte.

Die letzten Ereignisse machten mir schwer zu schaffen. Die Visionen des Auges, das mir neben eines göttlichen Titanen meine toten Eltern und Bilder des Hochapothekers zeigte. Der Kampf mit der Frau, die Schläge des Kutschers und Marces Lügen. All das verdrehte meine Gedanken.

Ein Gefühl der Schwere und Träge umgab mich und ich sackte mit einer Frage im Kopf erschöpft zusammen: Kann das alles wahr sein?