Die Legende von Krayac – Vorgeschichte

Vorgeschichte

»Goblins! Verdammte kleine Biester. Kaum größer als ein Kind, doch tausendmal schlimmer. Diese Parasiten vermehren sich wie Ratten. Hässlich und stupide nisten sie sich ein in unser Land. Sie hassen uns. Sie spucken auf uns. Nichts auf Erdenheim ist verräterischer als eine Grauhaut!«

Das erzählten sie uns jedenfalls, als eine mysteriöse Seuche unsere Stadt heimsuchte. Sie raffte komplette Familien dahin und zerstörte alles, was wir aufgebaut hatten.

Fürst Arian teilte die Stadt in zwei Hälften, um die Epidemie einzudämmen. Doch sie wütete damit umso heftiger und forderte ihren Tribut.

Er machte die Goblins in den östlichen Sümpfen verantwortlich, den Tod über unsere Heimat gebracht zu haben. Die weiße Hafenstadt Nêrath, das Bollwerk der Menschen und einst der schönste Fleck auf Erdenheim verschwand im Nebel des Verfalls.

Nichts außer Wut und Leid prägten diese Zeit. Ein Zustand, der ein neues Zeitalter für ganz Erdenheim einläutete. Eine Epoche, in der die Heilmittel ihren Dienst versagten und der Hunger in den Straßen grassierte. Als man verseuchtes Wasser in den Kehlen der Durstigen fand und die Rufe nach Rache lauter wurden.

Und ehe ich mich versah, zog ich in einen Krieg, um die Blüte meiner Heimat zu verteidigen, auch wenn diese bereits zu verwelken drohte.

Getrieben vom Feuer unseres Hasses drangen wir weit hinter ihre Grenzen. Wir wollten sie jagen wie Tiere. Sie für das bluten lassen, was sie uns antaten.

Die Sumpfebenen bargen den Goblins kaum Schutz. Nur Morast mit kleineren Landeinheiten trennten sie von unseren lechzenden Klingen. Dorf um Dorf versank in Asche.

Wir töteten alles, was uns in die Quere kam, ob Welpe oder Greis. Es waren doch nur Monster!

Ich stand in den vordersten Reihen, als die Menschlichkeit aus den Augen meiner Waffenbrüder schwand. Ich sah, wie jedes Lebewesen in einem gewaltigen Blutbad unterging – und mit ihnen, unser Verstand.

Niemand schien zu merken, dass wir auf keinerlei Gegenwehr stießen. Keines der Dörfer leistete Widerstand. Keine Stammeskrieger oder wilde Schamanen standen uns im Weg.

Nichts, das Fürst Arian sagte, war wahr. Nur Hilflosigkeit in den Gesichtern der Goblins, die um ihr Leben rannten.

Wir ahnten ja nicht, was wir damit weckten, als das donnernde Hämmern unzähliger Kriegstrommeln durch den Morast schallte.

Der Sumpf begann zu erwachen.

Die friedsame Goblinstadt Hortlingen erhob sich. Und mit ihnen jeder, der es vermag, sich zur Wehr zu setzen. Jeder, der versuchte, diesem Völkermord zu entgehen.

Nur mit Keulen bewaffnet stellten sie sich uns rüstungslos entgegen – wir machten sie einfach nieder. Für jeden von uns fielen Dutzende von ihnen. Wir glaubten, all die Plagegeister hier und heute endlich ausrotten zu können. Doch wurden sie immer mehr.

Aus Minuten wuchsen Stunden und aus Stunden wurden Tage.

Goblinscharen schwemmten über uns hinweg. In einem gewaltigen Strom erstickten sie uns mit ihrer Masse. Für jeden Toten fanden zwei neue ihren Platz. Ohne Pause türmten sich die Leichen und gestalteten das Land in ein Meer aus Blut.

Die Kämpfe glichen einem Massaker, das am Ende niemand überlebten sollte.

In den letzten Kriegsnächten ließ ich alles hinter mir. All die Hoffnung, meine Heimat in ihren alten Glanz zu führen, starb neben meinen Brüdern auf dem Schlachtfeld. Das, was blieb, waren Zweifel. Zweifel gegenüber Fürst Arians falscher Hetzerei und Zweifel, was es bedeutete … ein Mensch zu sein.

Vor den Toren der Sumpfstadt eröffnete sich ein Bild von toten Körpern. Keiner wird seine Geschichte vom Goblinkrieg mehr erzählen. Niemand wird erfahren, welches Verbrechen wir begannen hatten.

Ich bahnte mir einen Weg durch all die Leichen, während das quiekende Gejammer der zahllosen sterbenden Hortlinge im Wind verstummte.

Mühsam erreichte ich auf dem Rückweg Grenzstadt. Die letzte Festung, die unser Volk von den Sümpfen trennte.

Die Bewohner verarzteten meine Wunden und ich verbrachte die kommende Zeit in Fürsorge und Genesung. Ich konnte ihnen nicht sagen, dass ihre Männer und Söhne ihr Leben für eine Lüge ließen. Wer sollte mir auch glauben, was wirklich geschah.

Doch bald merkten sie, dass nur ich von den Kämpfen heimkehrte. Beschuldigungen und die Rufe nach einem Deserteur wurden lauter und zwangen mich in den Schatten.

Die Stadtwachen brandmarkten mich als Verräter und verstießen mich aus der Stadt.

Die Nachricht meiner Schande verbreitete sich wie ein Lauffeuer.

In eine Kapuze gehüllt durchstreifte ich Erdenheim. Ziellos und geächtet verbannte man mich aus jedem Ort, den ich betrat. Keine Taverne nahm mich auf, bot mir ein Bett oder etwas zu essen. Fensterläden und Türen barsten in ihren Schlössern. Kinder bewarfen mich mit Dreck. Zornige Blicke drangen in Fleisch und Seele und zerstörten alles, wofür ich gekämpft hatte.

Es gab keinen Platz mehr in einer Heimat, die ich mit meinem Leben verteidigte. Ein Dasein, das wie Sand durch meine Finger zu verschwinden begann.

Tag für Tag erwachte ich in Leere. Einer Leere, derer ich mich nicht entziehen konnte. Wo es keine Rolle mehr spielte, wer ich war. In der alles versank, wofür ich einst stand.

Das Einzige, an was ich mich halten konnte, waren jene Zweifel auf dem Schlachtfeld. Die aus mir das machten, was ich jetzt bin. Zweifel, die mich zurück in meine Heimatstadt brachten … Nêrath.